Aus dem Leben eines Texters in Köln

Das Leben eines Texters ist nicht glamourös. Wer 80% seiner Wachzeit auf seinen vier Buchstaben mit einem Gerät mit drei Buchstaben verbringt, für den kann ein Spaziergang an der frischen Luft eine aufregende Abwechslung sein. Umso schlimmer, wenn einen der Beruf schon nach wenigen Schritten wieder einholt. Nicht, weil das Telefon in der Tasche vibriert oder man einem Kunden in die Arme läuft. Nein, weil man die Ladenschilder liest und interpretiert als wäre es der Lateinunterricht.

Nun gibt es im so genannten Bermuda-Dreieck von Köln einen Laden, der den Slogan „für Stressliebhaber“ zum Besten gibt. Verkauft werden selbstgemachte Eintöpfe, selbstgemachte Pfannkuchen und mehr Hausmannskost. Dieser Slogan bereitet mir Kopfschmerzen, seit ich ihn vor Wochen zum ersten Mal gesehen habe. Hier sind einige der Szenarien, die ich durchgespielt habe. Szenario A: Ich bin sei so ein Typ, der auf Stress abgeht. Ich bin busy, wichtig, abgearbeitet – die ganze Karikatur. Will ich dann Hausmannskost, wie bei Muttern essen? Szenario B: Vielleicht ist es so gemeint: Sobald ich den Laden betrete, beginnt der Stress – denn da stehe ich ja laut Slogan drauf. Es ist hektisch, unfreundlich und schmecken tut es auch nicht. Szenario C: Der Laden ist ein Treffpunkt für Menschen, die andere Gestresste kennen lernen möchten.

Freunde, denen ich von diesem Rätsel berichte, zucken ungerührt mit den Schultern. Eine Antwort ist: „Vielleicht wollten die einfach einen Namen, der Aufmerksamkeit zieht. Damit Leute – so wie du gerade – sich darüber Gedanken machen.“ Ha, als wäre das nicht mein erster Einfall gewesen! Mein Einwand: Müsste nicht selbst dann noch irgendein Zusammenhang zum eigentlichen Geschäft bestehen? Denn nach dieser Argumentation könnte sich der Laden ja auch einen Spruch wie „für Seitensprungexperten“ auf das Schild malen. Der würde wahrscheinlich noch mehr Aufmerksamkeit erregen.

Ein paar Tage später spaziere ich mit meiner Freundin wieder durch das Bermuda-Dreieck. Ich will gerade ein weiteres Szenario entwickeln, aber sie bremst mich aus. Es sei ja nicht so wichtig. Ich weiß, ich weiß. Es ist eine Berufskrankheit. Als wir an dem besagten Geschäft vorbeikommen, packt sie mich sanft am Arm und schiebt mich durch die Tür. Ich stehe wie ein Messdiener vor der Verkäuferin und stelle zögerlich meine Frage. Sie verzieht keine Miene. „Ach so, den Namen hat mein Vater sich damals ausgedacht. Er wollte wohl etwas, dass die Leute aufmerksam macht, etwas Ungewöhnliches. Mehr weiß ich auch nicht.“ Das war’s? Keine tiefere Bedeutung? Ich bin schockiert.

Die Dame schaut mich an. Peinlich berührt bestelle ich einen Pfannkuchen und wir verlassen das Geschäft.

Christian Schmid I Texter in Köln und weltweit I 0221 – 97 61 25 03

Als Werbetexter in Köln unterwegs: Sale!?

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Übersetzen könnte man das wohl so: „Tja, liebe Leute, ihr fragt euch natürlich alle, ob wir hier jetzt einen Ausverkauf veranstalten. Tja, das erfahrt ihr erst, wenn ihr hier hereinschneit.“ So könnten Restaurants doch auch vorgehen: „Tagesgerichte!? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Reinkommen und nachfragen.“ Oder Tankstellen: „Diesel!? Gute Frage! Probiert es doch einfach mal an der Zapfsäule aus.“ Ich finde das richtig klasse. Unser Alltag würde so wieder ein echtes Überraschungsmoment bekommen. Alltag als Abenteuerspielplatz. Hm, das könnte der Titel für eine neue Doku-Soap werden…