Neuronale und soziale Netzwerke

… kam der Anruf aus der Redaktion. Ob ich mir vorstellen könne, ein kleines Essay über das Thema Netzwerke zu schreiben. Mit dem einen Unterschied, es mal durch eine andere Brille zu betrachten: Die elegante Brille der Neurowissenschaften. In der Neurowissenschaft gilt der Merksatz von Donald Olding Hebb: „Cells that fire together, wire together.“ Eine Übersetzung könnte lauten: „Zellen, die gleichzeitig feuern, verdrahten sich untereinander.“ Hebb gilt als Erfinder der Idee der neuronalen Netzwerke. Aha, da haben wir das Wort wieder! Jede gemeinsame Erregung von Nervenzellen verdrahtet deren Verbindung weiter und fördert damit die Informationsübertragung. Ist dies häufig genug geschehen, sprechen die Neurowissenschaftler von Bahnung. Als Analogie könnte man sich einen Pfad vorstellen, der durch unwegsames Gelände verläuft und mit jeder Benutzung durch Wanderer breiter und fester wird. Im Gegensatz dazu sind solche Pfade, die man selten benutzt hat, irgendwann zugewuchert. Ein anderes Bild könnte ein Fitness-Studio sein: Gut trainierte Muskeln erhöhen ihre Leistung. Gut befeuerte Nervenverbindungen erhöhen ebenfalls ihre Leistung. So funktioniert Lernen.

Was könnte uns also die neurowissenschaftliche Sichtachse beim Betrachten des sozialen Netzwerkens bringen – was ja heute allerorts als fulminantes Marketinginstrument gehandelt wird. Wenn wir die Gesetze der neuronalen Netzwerke auf die sozialen Netzwerke übertragen, müsste es doch bedeuten, dass unser alter Bekanntenkreis die gut markierten Pfade sind. Aus der Sicht eines Selbständigen oder Unternehmers: Die Bestandskunden sind verstopfte Autobahnen. Wie wäre es also mit einem Experiment? Was wäre, wenn wir an der nächsten Ausfahrt rausführen und über die Landstraßen juckelten. Schließlich verlassen wir die Landstraßen und kurven durch die Dörfer. Schaffen wir das überhaupt ohne Navigationsgerät? Sind wir dann einfach nur hoffnungslos verloren im Wirrwarr der Straßen mit Namen wie Ommerbornweg, Steinhauser Straße und Siegelberg? Oder stimuliert uns diese Art zu reisen am Ende…

Auszug aus einem Essay für die Zeitschrift optic und vision 02-2011.

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Christian Schmid I Texter in Köln und weltweit I 0221 – 97 61 25 03

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