Die Globalisierung ist kein Ponyhof!

Auszug aus einem Essay für die Zeitschrift optic und vision 04-2011:


Oder passen Globalisierung, soziale Marktwirtschaft und Demokratie am Ende einfach nicht zusammen? So lautet ja offenbar die Kernthese des Harvard-Ökonomen Dani Rodrik, dessen Buch „Das Globalisierungs-Paradox“ sich genau dieses Dilemmas annimmt.

Vielleicht ist es an der Zeit, meinen Freund Mark anzurufen und ihn zu interviewen. Er begeistert mich sofort für eine Idee. Ich könne doch ein Experiment wagen: Ein Jahr lang „globalisierungsfrei“ leben! So ähnlich wie der Realo-Journalist aus London, der versucht hat, ein Jahr lang radikal-umweltfreundlich zu leben – und über seine alltäglichen Abenteuer natürlich ein Buch geschrieben hat. Wie sähe das aus? Ganz oben stünde vermutlich der Verzicht auf alles, was nicht aus der Region, in der man lebt, kommt. Gleichzeitig dürfte man wohl die Region, in der man lebt, nicht ohne guten Grund verlassen. Mal kurz mit dem Thalys nach Paris: Pustekuchen! Oder wäre das in Ordnung, weil es innereuropäisch ist? Wie so oft bei solchen Gedankenspielen kommt der Punkt, wo schwarz und weiß zu grau verschmelzen. Denn eine Frage drängt sich auf: Wo genau ziehe ich die Grenze?

Eine Sache möchte ich zu Protokoll geben: Ohne es ausprobiert zu haben, riecht die Sache von weitem ziemlich provinziell und lustfeindlich. Und kostspielig wäre es vermutlich obendrein auch. Viele kennen ja das „Automobilbeispiel“. Da kauft man ein deutsches Markenprodukt à la Volkswagen (allein der Name könnte globalisierungsfeindlicher kaum sein) und stellt bei genauem Hinsehen fest, dass viele Autoteile mitnichten „aus deutschen Landen“ sind. Oder die Bio-Gemüsekiste aus der Region, in der im Monat Januar Mandarinen liegen. Das ist nicht erfunden, das habe ich selber so erlebt. Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir vor allem eins: Das Thema ist verdammt komplex. Und vermutlich verlockt gerade diese Komplexität dazu, Patentrezepte herbeizuwünschen. Unser Gehirn ist kein Freund von Komplexität. Es verursacht zuviel Stress. Mehr als sieben Informationen auf einmal und die Klappe geht zu.

Ich frage mich, warum ich mich in Diskussionen instinktiv meistens auf Seiten der „Globalisierungs-Anhänger“ schlage. Mir kommen wahrscheinlich zu viele Errungenschaften in den Sinn, die ohne das Internet (der eigentliche Wegbereiter der Globalisierung) nicht möglich gewesen wären. Skype ist so ein Beispiel. Wer erinnert sich noch, was für eine elitäre Nummer Videokonferenzen früher waren. Mein Gott, das war wie Golfspielen auf Madeira. Heute kann jeder Dahergelaufene (und ich meine das im positiven Sinn) mit seinen Freunden oder Geschäftspartnern in der ganzen Welt kostenlos telefonieren und sie dabei auch noch sehen. Das macht Kommunikation demokratischer und offener.

Christian Schmid I Texter in Köln und weltweit I 0221 – 97 61 25 03

 

2 thoughts on “Die Globalisierung ist kein Ponyhof!

  1. Ein Dogma ist für mich nur dann sinnvoll, wenn es das Denken oder das Leben erleichtert. Aber das wäre in diesem Fall definitv nicht so. Konsequent „globalisierungsfrei“ zu leben, ist so kompliziert und anstrengend, dass sich dieses Dogma ziemlich schnell erledigt, denke ich.

  2. Kompliziert und anstrengend und m.E. unmöglich. Eine Allmachtsphantasie.